Geschichte der evangelischen Kirchengemeinde Rodheim

Die Anfänge

Luther

Der Anschlag der 95 Thesen an die Schlosskirche in Wittenberg durch Martin Luther (1517) ist gerade neun Jahre her, da beginnt in Rodheim die Geschichte der evangelischen Kirchengemeinde.

Die Geschichte des Dorfes und seiner christlichen Gemeinde ist natürlich viel älter: Im Jahr 1150 wird Rodheim zum ersten Mal erwähnt, seine Grün

dung dürfte aber im 7. oder 8. Jahrhundert liegen. Für die Mitte des 13.

Jahrhunderts sind Priester in Rodheim in den historischen Quellen belegt - auf diese Zeit gehen wahrscheinlich auch die Ursprünge der Rodheimer Kirche zurück. Eine christliche Gemeinde hat es höchstwahrscheinlich aber scho

n viel länger in Rodheim gegeben, da Hessen spätestens im 8. Jahrhundert christianisiert worden ist.

Aus der Zeit vor der Reformation ist über die Kirchengemeinde nur Weniges bekannt: In den Quellen sind Klagen verzeichnet, dass der Baumeister der Kirche den Kirchenzins nicht erhebt. Für

das Jahr 1511 werden fünf Fälle versäumter Abendmahlsbesuche notiert. Jemand beichtet nicht, sondern bleibt seit zwei Jahren in der Exkommunikation, weswegen er zu einer Wallfahrt nach Fulda verurteilt wird. Es hat Anklagen gegeben wegen Ehebruchs, Unzucht, Blutschande, Fehlen ehelicher Gemeinschaft, Versäumnis von Eheschließung, Wucher, Unterschlagung oder Nichteinhaltung der Sonn- und Feiertage. Berichtet wird, dass der Friedhof nicht ordentlich ummauert sei, sodass Vieh eindringen konnte. Es sind nur wenige Hinweise; aber sie geben doch einen kleinen Einblick in das Leben in Rodheim im 16. Jahrhundert.

 

Als in Deutschland - damals das ‚Heilige Römische Reich Deutscher Nation' - die Reformation eine neue Lehre brachte, war Rodheim ein aus heutiger Sicht winziges Dorf. Es hatte wahrscheinlich nicht viel mehr als 100 Einwohner. Aber es gehörte in die Reihe der Dörfer und Städte, in denen ganz früh die Reformation eingeführt wurde. Dies geschah 1526, als Marx Lesch und der Gleiberger Amtmann Magnus Holzapfel den Geistlichen Heinsius als ersten evangelischen Pfarrer einsetzten.

 

In Weilburg herrschte der junge Graf Philipp III. über die GrafscPhilipp von Hessenhaft Nassau-Weilburg. Er gehörte zu den ersten Fürsten, die sich der neuen Lehre anschlossen. Insbesondere in den Gebieten, die Philipp von Nassau-Weilburg gemeinsam mit Philipp dem Großmütigen von Hessen besaß, wurde die Reformation zügig umgesetzt. Diese Gebiete waren das Amt Hüttenberg und das Land an der Lahn (Heuchelheim, Kinzenbach, Launsbach, Wißmar, Rodheim und Fellingshausen).

 

Man kann vermuten, dass nicht alle sofort die neue Lehre annahmen, sodass es auch in Rodheim eine Zeit lang beide Konfessionen nebeneinander gegeben haben dürfte, bis sich schließlich der Protestantismus endgültig durchsetzte. Eine eigenständige katholische Gemeinde entstand erst wieder im 20. Jahrhundert.

 

Ordnungen

Das Leben der Kirchengemeinden war durch Kirchenordnungen, alte Traditionen oder auch durch staatliche Verordnungen fest geregelt:

 

So gab es z.B. überall im Land staatlich verordnete Buß- und Bettage. Hier wurde für das Wohl des Staates gebetet, aber auch die persönliche Schuld vor Gott bekannt. In Rodheim wurden sie einmal im Monat begangen.

 

Auch die Sitz- bzw. Stehordnung in der Kirche war geregelt: Dabei gab es lange für die meisten Gemeindeglieder keine Sitzgelegenheiten. Nur die Adligen und ‚Honoratioren' des Dorfes (Bürgermeister, Lehrer, Kirchenälteste, Gerichtsschöffen, Pfarrer) konnten in den ‚Stühlen' im Chorraum sitzen. Wie man sich denken kann, erwuchsen um die Frage, wo man sitzen bzw. stehen durfte, immer wieder Streitigkeiten, über die es zum Teil sogar zu Handgreiflichkeiten in der Kirche und zu nachfolgenden Gerichtsverfahren kam. Noch heute besteht ja so mancher darauf, auf ‚seinem' Platz sitzen zu dürfen. Im Jahr 1730 wurde in Rodheim eine neue Stuhlordnung eingeführt, in der einigen Familien Stühle bzw. Brüstungen fest zugewiesen wurden. Die Kirchstuhlordnung legte auch fest, wie mit diesen Stühlen beim Tod des ‚Inhabers' zu verfahren ist.

 

Wirklich prägend für das Leben im Dorf war jedoch die eigentliche Kirchenordnung. Besonders den evangelischen Fürsten war daran gelegen, dass in ihrem Land das Gemeindeleben und die Gottesdienste in den Dörfern und Städten einheitlich geregelt waren. So versuchten sie, die lutherische Lehre zu festigen.

 

Im Jahr 1538 wurden - 55 km von Rodheim entfernt - im kleinen Ort Ziegenhain Beschlüsse gefasst (Ziegenhainer Kirchenzuchtordnung), die auch das Leben der Rodheimer Gemeinde in Zukunft wesentlich prägen sollten. Unter dem Einfluss des Straßburger Reformators Martin Bucer wurden in Hessen das Laienamt des Kirchenältesten (Kirchenvorstand) und die Konfirmation mit vorausgehendem Unterricht eingeführt und eine strenge Ordnung für das kirchliche Leben erlassen.

Diese Kirchenordnungen regelten aber nicht nur das kirchliche, sondern auch das weltliche Leben in den Gemeinden. Um über das „sittliche und moralische" Verhalten der Gemeinde zu wachen, wurden sogenannte Kirchenkonvente eingesetzt. Diesen gehörten der örtliche Pfarrer und die Kirchenältesten an. Wer sich nicht an die Ordnungen hielt, konnte mit einer Kirchenbuße belegt werden:

 

Diese bestand meist aus einem Bekenntnis zur Besserung und einer Geldstrafe.

In der Rodheimer Kirchenchronik vermerkte Pfarrer Pfnorr im Jahr 1876: „Mit der Kirchendisziplin gehet es unter denen mehrenteils unartigen Leuthen schwer genug zu, doch wird nach der Kirchenordnung so viel möglich darüber gehalten und werden die Exorbitierenden mit Strafe angesehen."

 

Zudem verordnete der Landesherr eine regelmäßige Visitation, die der, ebenfalls vom Landesherrn eingesetzte, Superintendent übernahm. Diese Visitationen fanden in den Dörfern - so auch in Rodheim - alle drei Jahre statt.

 

Es wurde z.B. überprüft, ob der Pfarrer die lutherische Lehre entsprechend der Bekenntnisschriften predigt und lehrt, ob er die Eltern ermahnt, dass sie ihre Kinder zur Einhaltung des Katechismus anhalten, oder ob die Bettage eingehalten werden. Ebenso überprüfte der Superintendent, ob der Pfarrer der Kirchenordnung entsprechend darauf achtet, dass sich seine Gemeindeglieder auch in Bezug auf „Fluchen, Schwören, Vollsaufen, übermäßigen Wucher, Hurerei, Ehebruch" nichts zuschulden kommen ließen.

 

Aus historischer Sicht war die Visitation eines der wichtigsten und effektivsten Werkzeuge zur Durchführung der Reformation. Auf diese Weise konnten die Fürsten sicherstellen, dass auch jeder einzelne Ortspfarrer der neuen (evangelischen) Lehre und den gewandelten Anforderungen des Pfarramtes entsprach.

 

Die Ziegenhainer Kirchenzuchtordnung im Jahr 1539 brachte auch für die Jugend eine Neuerung, die bis in unsere Tage hineinreicht: den Konfirmandenunterricht. Er wurde vom Landesherrn mit dem Ziel eingeführt, das Volk in der evangelischen Lehre zu unterweisen, da diejenigen, die die Lehre nicht kannten, auch nicht danach leben könnten. Deswegen sollten alle Kinder in den ‚Katechismus' kommen. In welchem Jahr die Konfirmation in Rodheim zum ersten Mal gefeiert wurde, ist nicht bekannt. Konfirmiert wurden alle Kinder in Rodheim, ab 1880 fanden auch in Fellingshausen Konfirmationen statt.

 

Kirche und Pfarrer

Die Gemeinden der Mark Rodheim - das waren Rodheim, Fellingshausen mit den jeweils zugehörigen Teilen von Bieber und die Gemeinde Vetzberg - bildeten zusammen ein Kirchspiel. Mittelpunkt des religiösen Lebens war die Rodheimer Kirche. Hier wurden alle großen Feiertage begangen. Im Laufe ihrer langen Geschichte musste die Kirche immer wieder renoviert werden. Ihr Zustand war manchmal so bedenklich, dass nach Beurteilung des Pfarrers „wir auch ohn Besorgung großer Gefahr Leibs und Lebens unseren Gottesdienst kaum verrichten können." Die Baupflicht lag zum größten Teil bei den Gemeinden des Kirchspiels. So trugen die Rodheimer Bürger immer wieder mit Spenden dazu bei, dass ihre Kirche saniert werden konnte. Ein Teil der Kosten wurde aber auch von der Mark Rodheim und den jeweiligen Landgrafen übernommen.

 

Grundsteinlegung der Filialkirche in Fellingshausen war im Jahr 1899. Vorher fanden die Gottesdienste dort in einer Kapelle statt - zeitweise sogar im Backhaus, weil die Kapelle baufällig war.

 

In Rodheim stand nicht nur die Hauptkirche des Kirchspiels; auch die Pfarrer wohnten selbstverständlich in Rodheim - seit 1861 im Pfarrhaus in der Pfarrgasse. In regelmäßigen Abständen predigten sie in den Filialgemeinden Fellingshausen und Vetzberg. Allerdings war das Predigen in Vetzberg bei den Pfarrern - aus welchem Grund auch immer - offenbar nicht sehr beliebt: Eine historische Quelle erwähnt, dass es Mitte des 17. Jahrhunderts Beschwerden beim Superintendenten gegeben habe, weil der Rodheimer Pfarrer nicht mehr in Vetzberg predige. Und von der Witwe des Juristen Justus Scholz aus Vetzberg wird berichtet, dass sie „einen Pfarrer zu Rodheim zwingen wollt, dass er zu Fetzberg predigen sollt."

 

Ein anderer Pfarrer vernachlässigte nicht nur das Predigen. So wird von Pfarrer Burkhard Zimmermann erzählt, dass er 1686 abgesetzt  wurde, weil er das Vermögen der Gemeinde durch Trunksucht und Untreue vergeudet hatte. Nach seinem Abgang soll die Gemeinde nicht einmal mehr genug Geld gehabt haben, den Abendmahlswein zu bezahlen. Derartige Vorkommnisse scheinen aber die Ausnahme gewesen zu sein. Von keinem der anderen Pfarrer wird Ähnliches erzählt.

Trautwein.jpg

 

Bevor „de ahlt Dekan Schmidt", wie er von den Rodheimern genannt wurde, im Jahr 1868 seine Pfarrstelle in Rodheim antrat, sind 13 Pfarrer und zwei Pfarrverwalter nachweisbar. Nachfolger von Dekan Christof Schmidt war sein Vikar Eugen Vömel, der 1914 nach Düsselthal ging, 1924 zurückk

ehrte und bis zu seiner Pensionierung 1936 wieder Pfarrer in Rodheim war. Zwischen 1914 und 1925 war Pfarrer Ohly in Rodheim tätig. Auf Vömel folgte Pfa

rrer Trautwein (1936-1965), dann Pfarrer Metzler (1966-1991). 1978 kam Pfarrer Alsmeier mit einer zweiten Pfarrstelle hinzu. Er blieb bis 2001. Sein Nachfolger im Pfarrbezirk Vetzberg wurde 2004 Pfarrer Henkel. Nachfolger vo

n Pfarrer Metzler im Pfarrbezirk Rodheim war von 1993 bis 1997 Pfarrer Lenz, ihm folgte 1998 Pfarrerin Zander bis 2004. Seit 2004 hat Pfarrer Teichmann die Pfarrstelle im Bezirk I inne.

 

 

Armenfürsorge

Eine wichtige Aufgabe der Kirchengemeinde ist seit alters her die Fürsorge für die Armen. Für die nachreformatorische Zeit ist belegt, dass an bestimmten Sonntagen im Jahr nach dem Gottesdienst durch den Kirchenvorstand Brot an Bedürftige verteilt wurde. Die Gemeinde führte Listen, in denen die bedürftigen Familien und Personen verzeichnet waren. Aus einem vom Kirchenvorstand verwalteten Fonds wurde diesen entweder mit Geld oder auch „wenn dies nicht geraten erscheint [mit]  notwendige[n] Bedürfnisse[n] (Kleider, Schuhe, Kartoffel pp.)" geholfen. Auch dies geschah in der Kirche.

 

Das Geld für die Unterstützung der Armen kam aus verschiedenen

Stiftungen: aus der „Milden Stiftung" des Hofgutes Schmitte, der Stiftung des Rabenausschen Hofgutes und aus der Firnhaber Eberstein'schen Striftung.

 

Auch Pfarrer Georgi (1777-1816 Pfarrer in Rodheim) - später auch sein Sohn - sah sich in der Verantwortung und ließ jedes Jahr „von einem Malter Korn Brod backen und vertheilte es mit dem Kirchenvorstand in der hiesigen Kirche unter die Armen des Kirchspiels."

 

 

Kriegszeiten

Als im Jahr 1951 das Dach des Kirchturmes renoviert wurde, machte man in der Kugel auf der Spitze des Turmes eine Entdeckung: Die Kugel enthielt eine Predigt des Pfarrers Georgi, gehalten im Jahr 1794. Es ist die Zeit der Napoleonischen Kriege und die große Politik hatte Auswirkungen bis ins kleinste Dorf.

Predigt aus Turmkugel

So blieben auch die Rodheimer von den politischen Ereignissen nicht unber

ührt.

Der vorangegangene Siebenjährige Krieg (1756 - 1763) war noch nicht lange her. Auch er hatte schon viel Leid mit sich gebracht. Es war eine „Zeit, die wahrlich nicht kläglicher sein konnte, da Wälder und Felder, Haus und Hof und alle Nahrungsmittel verheert und verstört, fouraciert  und den Leuten weggenommen und uns nichts gelassen wurde als das leben. Gott

erbarme dich unse

r!" So schrieb Pfarrer Mallinkrodt in die Kirchenchronik.

 

Als nur drei

Jahrzehnte später in Frankreich die Revolution ausbrach, Napoleon Bonaparte dem Deutschen Reich und anderen Mächten den Krieg erklärte, musste man fürchten, dass nochmals solch furchtbare Zeiten über das Land und Dorf kommen würden. Zudem war die Angst vor den Franzosen groß. Pfarrer Georgi schrieb in der Kirchenchronik: „Jeder waffenfähige Unterthan hat 20 scharfe Patronen bekommen, und die Geistlichen mussten von den Kanzeln ihre Zuhörer zur muthigen Verteidigung des Vaterlands ermuntern." Dies hat Pfarrer Georgi selbst auch getan: „Wohlan denn meine Brüder", predigte er den Rodheimern in der im Turm gefundenen Predigt: „Macht euren Muth wie Stahl und euren Arm wie Eißen. Traget als tapfere hessen das eurige mit bey, wenn es die Noth erfordert, das Vaterland, die Religion, das Haab und Gut zu Vertheidigen. Fürchtet euch nicht für dem Schwerd und Tötendem Geschoß des Feindes. Ihr könnt ihm mit frohen Muth entgegen gehen und ihn mit den worten, welche David zu jenem Philister Goliath sagte, anreden: Wir kommen zu dir im namen des Heiligen Zebaoth, des Gottes den du gehöhn

et hast...."

Ein paar Jahre später war es dann soweit. Auch Männer aus Rodheim mussten dem Feind entgegenziehen. Von dreißig kamen nur zwei zurück.

 

Hundert Jahre später herrschte wieder Krieg. Auch dieser Deutsch-Französische Krieg  1870/71 hatte wieder Auswirkungen bis nach Rodheim: Wieder „rückten 44 Soldaten ins Feld". Für den 27. Juli 1870 verordnete der König im ganzen Land einen „außerordentlichen allgemeinen Bettag", die Rodheimer Gemeinde sammelte Spenden und zeigte sich dabei „opferwillig zum Besten verwundeter Soldaten!" Als Frankreich kapituliert hatte, läuteten am Abend des 4. Sonntags nach Epiphanias zum Dank alle Glocken. Auf dem Dünsberg wurde ein „Freudenfeuer angezündet", der Ortsgeistliche hielt eine Ansprache.

 

Wandel in der Neuzeit

Seit Beginn des 19. Jahrhunderts begann sich das Leben in ganz Europa rasant zu verändern: Die industrielle Revolution führte zum Übergang von der Agrar- zur Industriegesellschaft. Und sie hatte schließlich auch Rodheim erreich, als hier in den Jahren 1850 und 1857 drei Zigarrenfabriken gebaut wurden. Der damalige Pfarrer Friedrich Ludwig George sah diese Neuerung mit Bedenken. Er erkennt zwar auch manchen Vorteil, da sich dadurch Verdienstmöglichkeiten für viele Familien ergaben. Für die sittliche und moralische Entwicklung seiner Gemeinde befürchtete er aber Schlimmes. So schrieb in seinem Auftrag der damalige Pfarrvikar Friedrich Möller in die Chronik: „Faulheit und Liederlichkeit mancher Eltern, die von den Kindern sich ganz unterhalten lassen, Trunksucht, Ausschweifungen und Roheiten aller Art, Übermuth, Frechheit und Zuchtlosigkeit des jungen Geschlechts das sind große Nachtheile die jetzt schon in bedeutendem Maße hervortreten. Es werden diese Fabriken für Rodheim und die umliegenden Ort wenig Segen, aber viel Unsegen bringen. Rodheim, den 20. Juli 1858."

 

Ob es die neuen Fabriken waren oder einfach ein neuer Freiheit

sgeist: 40 Jahre später schienen sich die Befürchtungen des Pfarrers bestätigt zu haben. Besorgt schreibt sein Nachfolger Pfarrer Vömel 1898 in die Chronik: „...trieb mich die Sorge wegen der zunehmenden Verwilderung der Jugend. Besonders bedenklich ist, dass seint einer Reihe von Jahren die Mädchen im Besuch der Wirtshäuser mit den Burschen zu wetteifern beginnen. Gott helfe unserem Kirchspiel von solchem unordentlichen Wesen."

 

In der damaligen Zeit war der Pfarrer zwar eine moralische Instanz im Ort, ob er aber das Treiben der Jugend nachhaltig verändern konnte, darf bezweifelt werden. Immerhin erging 1902 von den Ortspolizeibehörden ein Erlass an die Wirte, dass „geistliche Getränke" an junge Mädchen nicht verabreicht werden dürfen, um „Ausschweifungen und Unsittlichkeiten vorzubeugen!"

 

Vielleicht kann man es als eine Gegenbewegung verstehen, als eine Besinnung auf christliche Werte, dass 1910 der Christliche Verein Junger Männer und Junger Frauen (CVJM) gegründet wurde. Er ging aus dem 1901 entstandenen Posaunenchor hervor. Der CVJM prägte in den kommenden Jahrzehnten das Gemeindeleben entscheidend mit. Viele Männer, Frauen und Jugendliche, die sich im Kirchenvorstand, im Chor oder anderen Gemeindegruppen

engagieren und engagiert haben, hatten und haben im CVJM ihre geistliche Heimat.

 

Ebenfalls aus dem Posaunenchor heraus entwickelte sich 1904 der gemischte Chor, der über die nächsten 100 Jahre hinweg viele Gottesdienste, Feste und Veranstaltungen bereicherte.

 

So war der Anfang des neuen Jahrhunderts auch in der Kirchengemeinde eine Zeit der Neuanfänge.

 

Ganz ohne Spannungen schienen diese Neugründungen im Dorf aber nicht aufgenommen worden zu sein. So berichtete Pfarrer Vömel aus dem Jahr 1913, in dem der Befreiung von Napoleon vor 100 Jahren gedacht wurde: „Der 18. Oktober wurde besonders festlich begangen: [...] Auf dem Rillscheid wurde ein prächtiges Feuerwerk abgebrannt. Vom anschließenden Fackelzug hatten sich aber „die weltlichen Vereine ausgeschlossen, weil sie nicht hinter dem Posaunenchor (den Frommen)  hergehen wollten."

 

Kontinuität bewahrte die Gemeinde in der Armen- und Krankenfürsorge. Sie blieb auch im neuen Jahrhundert eine zentrale Aufgabe. Am 1. Januar 1905 stellte die Gemeinde eine Diakonissin für die Krankenpflege im Kirchspiel ein. Es entstand eine Schwesternstation, die Vorgängerin der heutigen Diakoniestation (s. dazu Beitrag von H. Bechlinger).

 

Eine ähnlich lange Tradition wie die Diakoniestation hat der Rodheimer Kindergarten. Auch dieser wurde als Antwort auf drängende soziale Probleme von der Kirche ins Leben gerufen. Zwar musste der im Jahr 1905 g

eplante Bau einer Kleinkindschule „wegen mangelndem Interesse und Entgegenkommen bei den Vertretungen der Gemeinde" hinausgeschoben werden, aber der große Plan konnte schließlich doch verwirklicht werden: 1908 kauft die Kirchengemeinde zum Preis von 10.500 Mark in der Vetzberger Straße ein Haus „für Zwecke einer zu errichtenden Kleinkinderschule und der Wohnung für Gemeindeschwester und Kinderschulschwester, sowie für die Arbeit an den Jünglingen und Jungfrauen unserer Gemeinde", so notierte Pfarrer Vömel. Das Haus erhielt den Namen ‚Gemeindehaus Bethanien', benannt nach dem Ort in Israel, in dem nach der Bibel Lazarus durch Jesus vom Tod wieder auferweckt wurde. Mit dem Kindergarten erfüllte sich ein drängender Wunsch vor allem vieler Frauen, die wegen ihrer Arbeit in den Zigarrenfabriken die Kinder nicht mehr zuhause betreuen konnten (s. dazu auch den Beitrag von H. Bechlinger).

 

1925 wurde die Frauenhilfe gegründet. Der Erste Weltkrieg hatte materiell (im Jahr 1923 kostete ein Ei viele Milliarden Mark), aber auch psychisch viele Schäden angerichtet, die noch längst nicht überwunden waren. Die Antwort auf diese schwere Zeit war die Gründung der Frauenhilfe. Drei Ziele

bestimmten ihre Arbeit: die Pflege von Gemeinschaft, die Orientierung am Evangelium und das Mittragen von sozialen Aufgaben in der Gemeinde. In den wöchentlichen Treffen wurde gestrickt, gesungen und vorgelesen, der Pfarrer hielt eine Andacht. In den ersten Jahren unterstützten die Frauen finanziell die Arbeit der Gemeindeschwestern und den Kindergarten. Bald kamen als neue Aufgaben die Mütterschulung und Müttererholung hinzu, Bibelkurse wurden angeboten.

 

Auch wenn die Pfarrer zur Jahrhundertwende landauf, landab über zunehmende Entkirchlichung klagten, so war die Kirche für die meisten Menschen doch weiterhin selbstverständlicher Teil ihres Lebens: Als Pfarrer Ohly 1925 nach zehn Jahren in den Ruhestand ging, vermerkte er in der Chronik, dass er in seiner Amtszeit im Kirchspiel Rodheim „295 Paare getraut, 803 Kinder getauft, 871 Kinder konfirmiert, 438 Menschen beerdigt, 39.288 Kommunikanten das heilige Abendmahl gereicht" hat. Das sind, wie Pfarrer Ohly selber schrieb, „keine kleinen Zahlen" angesichts einer Bevölkerungszahl von ca. 3700 Menschen, die zu dieser Zeit im Kirchspiel lebten.

Auch die alljährlichen Missionsfeste wurden sehr gut besucht. Einmal sollen sogar über 1500 Menschen (auch aus den umliegenden Dörfern) daran teilgenommen haben.

 

Nationalsozialismus

Über die Zeit des Nationalsozialismus berichtet die Chronik nicht viel. Das liegt wohl auch daran, dass Pfarrer Trautwein als Soldat auf Betreiben des Ortsgruppenleiters für den Krieg eingezogen wurde, „weil er nicht so recht mit dem neuen System konform war." So vermerkt es in einem Nachtrag die Chronik. Für das Jahr 1934 berichtete Pfarrer Vömel noch von einem „sog. Bekenntnisgottesdienst" in der Rodheimer Kirche, die „brechend voll war." Dieser Gottesdienst richtete sich gegen die Überzeugung der Deutschen Christen, einer rassistischen, antisemitischen und am Führerprinzip orientierten Strömung im Protestantismus, die nach und nach die Oberhand in der evangelischen Kirche gewann.

Von der „Gleichschaltung" - so der Ausdruck der Nazis, mit der diese die Vereinheitlichung des gesamten gesellschaftlichen und politischen Lebens anstrebten -, wurde natürlich auch Rodheim nicht verschont. Die „Lebens- und Arbeitsmöglichkeit der Kirche wurde immer mehr eingeschränkt", schrieb Pfarrer Trautwein: Er selber bekam die Erlaubnis entzogen, in der Oberklasse der Volksschule Religionsunterricht zu geben. Als Ersatz richteten die Schwestern der Schwesternstation eine Kinderstunde ein. Der Kindergarten wurde zwangsweise der Nationalsozialistischen Volkswohlfahrt (NSV) überantwortet. Eine Rüstwoche in Bieber wurde von der Gestapo verboten (Thema: Es ist nahe gekommen das Ende aller Dinge, 1. Petr. 4,7). Für die Bibelstunden musste man in Privathäuser ausweichen. Doch auch das wurde teilwei

se verboten.

 

Während der Zeit, in der Pfarrer Trautwein im Krieg war, vertrat ihn Pfarrer Klaus Schmidt aus Gießen. Er war der Enkel des Dekans Schmidt, der Ende des 19. Jahrhunderts über 30 Jahre Pfarrer in Rodheim war. Pfarrer Klaus Schmidt hatte keinen Auftrag, wurde auch nicht bezahlt, aber aus alter Verbundenheit mit Rodheim vertrat er seinen Kollegen über mehrere Jahre. In diesen Kriegszeiten hielt er das Gemeindeleben, so gut es in den Zeiten möglich war, aufrecht: Er taufte, traute, hielt die Gottesdienste, beerdigte die Toten. Unter ihnen war auch Hildegard Lenz vom Hof Haina. Sie ist Opfer der Bombe gewesen, die 1945 auf Rodheim fiel. Seiner Beerdigungspredigt legte er einen Vers aus der Bergpredigt zugrunde: „Aber ich sage euch, die ihr zuhört: Liebet eure Feinde, tut wohl denen, die euch hassen." (Lk 6,27) Für mutige Worte wie diese sind viele Pfarrer verhaftet und hingerichtet worden. Pfarrer Schmidt entging diesem Schicksal wohl nur, weil wenige Tage später die Amerikaner in Rodheim einmarschierten. So konnte er die Konfirmanden des Jahres 1945 am Ostermontag, dem 2. April - einen Monat vor Kriegsende -  einsegnen.

 

 

Noch einmal ein Neuanfang

Der Sieg der Alliierten im Mai ´45 brachte die Befreiung von der Nazidiktatur. Doch aufatmen konnte man in Deutschland auch in der Nachkriegszeit noch lange nicht.

 

Der Raub- und Vernichtungskrieg der Nazis - später Zweiter Weltkrieg genannt - hatte ungeheures Leid über ganz Europa und natürlich auch nach Rodheim und in die umliegenden Dörfe

r gebracht. Viele der Männer, die in den Krieg ziehen mussten, kamen nicht zurück. Es gab kaum etwas zu kaufen, im ganzen Kirchspiel mussten Flüchtlinge untergebracht werden und es herrschte eine große Unsicherheit, wie es weitergeht. „Die äußere und innere Erschütterung der Menschen wird auch im Kirchspiel Rodheim nach dem Krieg sichtbar in gut besuchten Gottesdiensten und Gemeindeveranstaltungen", schrieb Pfarrer Trautwein in die Chronik.

 

Die Folgen des Krieges bestimmen einen Großteil des Gemeindelebens: Mithilfe im Suchdienst, Trauerfeiern für Gefallene, die Integration der Zugezogenen, eine neue Ökumene mit den nach Rodheim zugezogenen katholischen Christen

.

Die Gemeinde wächst durch den Zuzug vieler Evakuierter, Flüchtlinge und Heimatvertriebener. „Aus dem Kreis der evangelischen Neubürger erhält die Gemeinde eifrige Mitglieder", schreibt Pfarrer Trautwein. Diese prägen in den nächsten Jahrzehnten das Gemeindeleben entscheidend mit.

 

NiemöllerIm Februar 1946 hält der frühere U-Boot-Kommandant und führende Vertreter der Bekennenden Kirche, Pfarrer Martin Niemöller, in der überfüllten Rodheimer Kirche einen seiner berühmten Vorträge zur Schuldfrage und zum Weg der Evangelischen Kirche in Deutschland. Ein Jahr später wird Niemöller zum ersten Kirchenpräsidenten der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau (EKHN) gewählt.

 

Das Gemeindeleben erlebt nach dem Krieg einen echten Neuanfang: Gemischter Chor und Posaunenchor werden neu gebildet; die in der Nazidiktatur stark eingeschränkte Arbeit der Frauenhilfe beginnt wieder: Missionsfeste werden gefeiert; der erste Bezirksjugendwart nimmt im Dekanat seine Arbeit auf. Auf Freizeiten

werden „Jungen und Mädchen für den evangelischen Zeugen- und Gemeindedienst vorbereitet", es finden Seminare zur Kirchengeschiche, Bibelkunde und Ethik statt.

 

Die vielen Aufgaben können von einem Pfarrer bald nicht mehr bewältigt werden. 1951 wird im Kirchspiel eine Pfarrvikarstelle errichtet. Die Filialgemeinden drängen in die Selbständigkeit. So wird 1961 das Kirchspiel Rodheim aufgelöst und die Orte Bieber und Fellingshausen werden zu eigenständigen Kirchengemeinden mit eigenen Pfarrern.

 

 

Die Jahre bis heute

Das Jahr 1965 bringt für die Gemeinde einen großen Einschnitt: Nach fast 30 Jahren Dienst geht Dekan Trautwein kurz vor Vollendung seines 62. Lebensjahres in den Ruhestand. Er hat die Rodheimer Kirchengemeinde stark geprägt, viel im Großen und Kleinen bewirkt, vieles neu auf den Weg gebracht. Sein Nachfolger wird am 1. Juli 1966 Pfarrer Hans Metzler. Auch er prägte über lange Jahre die Gemeinde.

Bereits ein Jahr nach seinem Dienstantritt  entwickelte sich unter seiner Leitung erstmals in Rodheim eine eigenständige Jugendarbeit. Bisher hatte der CVJM die Jugendarbeit allein getragen.

 

Die Chronik verzeichnet in den folgenden Jahren eine Fülle von Aktivitäten und vermittelt einen kleinen Einblick in das aktive Leben der Kirchengemeinde: Bibelwochen, Allianz-Gebetswoche, Jugendwochenenden, Missionsfest, die erste Gemeindefreizeit im Jahr 1969.

 

Im Jahr 1970 wird Schwester Hildegard Platt nach Tansania ausgesandt. Als im folgenden Jahr ein Gegenbesuch dreier Christen aus Tansania stattfindet, erfährt die Kirchenmusik der Gemeinde eine Bereicherung. Pfarrer Metzler vermerkte in der Chronik, dass „Buschtrommeln in der Rodheimer Kirche in begeisterndem Rhythmus" zu hören gewesen sind. Es finden Evangelisationen im Bürgerhaus statt, ein neuer Altenkreis wird 1971 gegründet, Konfirmanden fahren zum ersten Mal auf eine Freizeit. 1972 wird das neue Gemeindehaus am Ort der alten Pfarrscheune errichtet. Es gibt zahlreiche ökumenische Gottesdienste, Jugendfreizeiten, Gemeindefreizeiten, Gemeindefeste, Kindergottesdienst, Konzerte.

 

1978 bekommt die Gemeinde eine zusätzliche Pfarrvikarsstelle, die 1980 in eine Pfarrstelle umgewandelt und mit Pfarrer Alsmeier besetzt wird. Es folgt die Aufteilung der Gemeinde in zwei Pfarrbezirke, 1983 die Innenrenovierung der Rodheimer Kirche und 1990 der Neubau der Kirche in Vetzberg. 1991 geht nach über 25 Jahren Pfarrer Metzler in den Ruhestand.

 

Ein Blick in die heutige Gemeinde: Sie hat ca. 2700 Gemeindeglieder und 1,5 Pfarrstellen. Sie ist Trägerin von zwei Kindertagesstätten, beschäftigt einen Gemeindepädagogen (25%-Stelle). Seit 2004 gehört die Kirchengemeinde Rodheim-Vetzberg zum Dekanat Gießen und ist seit 1.1.2007 mit der Kirchengemeinde Bieber pfarramtlich verbunden, d.h. beide Gemeinden teilen sich eine Pfarrstelle.

 

Durch großzügige Spenden der Rodheimer Bürgerinnen und Bürger wurde 2007 der Innenraum und das Dachgebälk der Kirche saniert. Jungschar, Teen-Kreis, gemischter Chor, Kinderandachten, Kindernachmittage, Posaunenchor, Spielkreise, Frauen um die Bibel, Bibelgesprächskreis, Jugend-, Vater-Kind-, Sommer- und Seniorenfreizeiten, Konfirmanden, eine offene Kirche, Abendgebete und vielfältige Gottesdienstformen prägen heute das Bild der Gemeinde.

 

Im Jahr 1998 schrieb der Kirchenvorsteher und Ehrenbürgermeister Helmut Bechlinger in einer Darstellung der Kirchengemeinde: „Ein Blick in die Vergangenheit mit ihren Höhen und Tiefen und wechselvollen Geschicken zeigt, mit wie viel Hingabe und Treue die jeweiligen Pfarrer und Gemeindeglieder sich ihrer Verantwortung im Lichte des Evangeliums bewusst waren. Möge es weiterhin so bleiben, dass der Geist Jesu Christi immer wieder und immer mehr Raum gewinnt zum Wohl und Heil der Menschen, die in unserer Kirchengemeinde und im gesamten Raum Biebertals leben."

 

 

Literatur


  • Bechlinger, Helmut, Kirchengemeinde Rodheim / Vetzberg, in: Die Kirchengemeinden des Dekanates Gladenbach, 1998
  • Bechlinger, Helmut, 90 Jahre Evangelische Diakonie (Schwestern)-Station Biebertal, Biebertal 1994
  • Chronik des Kirchspiels Rodheim an der Bieber
  • Schmidt, Ernst, Geschichtliches über die Kirche in Rodheim an der Bieber, Biebertal 1986
  • Seitz, Heinrich, Geschichte der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau, Marburg 1961
  • Steinmüller, Jürgen, Christentum in Rodheim
  • Steinmüller, Jürgen, Die Kirchengemeinde und die Kirche zu Rodheim-Vetzberg, in: Die Kirche und der Friedhof von Rodheim, Hrsg. Heimatverein Rodheim-Bieber e.V.